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Friedrich-Wilhelm Schlomann
Die Absetzung von Jakob Kaiser und Ernst Lemmer vor 50 Jahren in der SBZ.
Eine persönliche Erinnerung.
Als am 28. November 1947 alle SED-Zeitungen einen Beschluß der SED-Vorstandes veröffentlichten, der zu einem Volkskongress für Einheit und gerechten Frieden aufruft und Delegierte von Parteien, Gewerkschaften und Betriebsräten zum 6./7. Dezember 1947 nach Ost-Berlin einlädt, ist auch unser CDU- Kreisvorstand in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) über diesen Schritt zur deutschen Wiedervereinigung angetan. Bald aber dominiert unsere alte Skepsis: Einmal wurden die anderen Parteien - wir alle sind doch im "antifaschistischen Block" zusammen - nicht vorher informiert, zum anderen erscheint die kurze Frist überstürzt. Bald müssen wir zudem erfahren, dass die "Delegierten" auch in unserem Kreis nicht aus freien Wahlen hervorgehen, sondern zumeist durch Zurufe in manipulierten Massenversammlungen bestimmt werden.
Unser Misstrauen schwindet dann, als das SED-Zentralorgan eine Zustimmungserklärung zum Volkskongress von Ernst Lemmer, dem 2. Vorsitzenden unserer Ostzonen-CDU, abdruckt; Erst später erfahren wir aus Berlin, daß sie gefälscht ist. Unser Landesminister Witte und auch unser Landtagsabgeordneter Kaltenborn lehnen den Volkskongreß offen ab, jedoch werden ihre Worte selbst in unserer CDU-Zeitung nicht gedruckt, hat doch die sowjetische Pressezensur stets das letzte Wort. Dass am 2. Dezember der CDU-Zonenvorstand in seiner Sitzung, bei der überraschenderweise auch ein sowjetischer Offizier anwesend ist, die Teilnahme am Volkskongress ablehnt, melden die Zeitungen nur sehr kurz. Groß hingegen schreiben sie, der Zonenvorstand habe einzelnen Mitgliedern "unter den gegebenen Verhältnissen" - damit ist der politische Druck seitens der SED und der Besatzungsmacht gemeint - die Teilnahme freigestellt.
Unser Landesvorsitzender Lobedanz ist ein Demokrat der Weimarer Republik, nach unserer Ansicht jedoch oft zu nachgiebig gegenüber den Russen. Immerhin: Kurz vor dem Kongress wird er "krank", doch drei Sowjetoffiziere holen ihn mit einem Auto aus seiner Schweriner Wohnung ab und fahren ihn nach Berlin. Wir bewundern seine Haltung, was allerdings schnell umschlägt bei der Nachricht, er habe sich in das Präsidium des Volkskongresses setzen lassen. Resignation? Ein "Schlimmeres-verhüten-wollen"? Unser Kreisvorstand kommt zu keinem Ergebnis, man drängt auf eine Misstrauenserklärung - die mit Hinblick auf die Besatzungsmacht dann aber doch unterbleibt. Wir können uns kaum noch ein Bild über die Vorgänge machen. Erst später kommen bruchstückartige Informationen. Wohl zu spät bemerken wir, daß sich - zweifellos mit sowjetischer Unterstützung - Carl Garz in den Vordergrund spielt. Er ist Gründungsmitglied der CDU von 1945; wahrscheinlich glaubt er, die Zukunft unseres Landes sei an der Seite der Sowjetunion. Oft holt er sich "politische Ratschläge" vom sowjetischen Politoffizier Hauptmann Zyganow. Jetzt behauptet er überall, von den insgesamt 21 CDU Kreisverbänden in Mecklenburg - Vorpommern hätten sich 18 für den Volkskongreß entschieden. In Wahrheit sind lediglich zwei von ihnen gefahren - vom Schweriner Kreisvorstand war es niemand.
Wir erfahren es zunächst durch den RIAS in West-Berlin: Am 19. Dezember spricht unser erster CDU-Zonenvorsitzender Jakob Kaiser noch einmal vor den Landesvorsitzenden. Für uns ist klar, dass weder er noch Ernst Lemmer vor den Sowjets einen Kniefall machen werden, nachdem sie sich der Nazizeit Widerstand entgegensetzten. Am gleichen Nachmittag haben die Landesvorsitzenden bei Oberst Tulpanow zu erscheinen. Was dort in stundenlangen "Gesprächen" geschieht, konnten wir nie erfahren; auch Lobedanz hat über diesen Tag kein einziges Wort verloren. Es kommt jedenfalls zu einer De-facto-Absetzung von Kaiser und Lemmer, selbst wenn eine CDU-Erklärung noch meint, beide seien nicht zurückgetreten, sondern "nur vorläufig für funktionsunfähig erklärt" worden. Die Veröffentlichung des Schlußsatzes, die endgültige Regelung werde ein Parteitag beschließen, verbieten die Russen, wie sie auch dessen Einberufung zu durchkreuzen wissen - doch davon wird in unserem Kreisvorstand lange nichts bekannt.
Ob viele Leser stutzig werden, dass unsere Schweriner CDU-Zeitung zu all den Ereignissen keinen Kommentar bringt? Tatsächlich wollte der sowjetische Presseoffizier den Chefredakteur zu einem Artikel gegen Kaiser und Lemmer zwingen. Dieser weigerte sich - und darf ab sofort seine eigenen Redaktionsräume nicht mehr betreten. Als wir uns noch einmal sehen, spricht er Recht verbittert, er habe den redlichen Willen zu einer Zusammenarbeit auch mit den Russen gehabt - allerdings nicht für den Preis der politischen Freiheit. Gewiss habe man jetzt Schiffbruch erlitten. Aber es mußte der Versuch gemacht werden, selbst unter dieser Besatzungsmacht unsere Heimat nach unseren Vorstellungen von Demokratie und Freiheit wieder aufzubauen. Er redet schon in der Vergangenheit, beim Abschied drückt er uns lange die Hand. Bestimmt wird er schon in den nächsten Tagen oder Stunden flüchten ...
Am 4. Januar 1948 kommt es in unserer Stadt zu der entscheidenden Sitzung des CDU- Landesvorstandes, die von jenem Mitglied Garz geleitet wird. Auf seine nur rhetorisch gedachte Frage, ob man sich etwa mit Kaiser und Lemmer solidarisiere, erfolgt ein einstimmiges "Ja!". Bei einer vorgelegten "Entschließung des CDU-Ortsverbandes Schwerin" gegen Kaiser kommt es zum wütenden Protest - niemand hat derartiges beschlossen! Garz drängt auf eine Entscheidung, ob die CDU im Lande ihre Arbeit einstellen oder sich von Jakob Kaiser trennen will: "Eine andere Möglichkeit gibt es nach Lage der Dinge nicht mehr." Auch diese Drohung hätte gewiss kaum Erfolg gehabt, wenn nicht die Nachricht gekommen wäre, dass die Besatzungsmacht dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Jöhren jegliches Verlassen seiner Insel Usedom verboten hat. Die Sorge um ihn und natürlich auch um das Schicksal - zumal die Gegenwart eines sowjetischen Kontrolloffiziers - nimmt den Anwesenden den Mut. Die Entschließung gegen Kaiser und Lemmer wird auf diese Weise durchgepeitscht.
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