Zum Feindbild Sowjetunion



Michael Mohs:

Zum Feindbild Sowjetunion. In: Sicher auf neuen Wegen. Impulse für eine christlich-demokratische Friedenspolitik. 255 Seiten. ISBN 3-926387-00-9

 

Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Jahr 1984: "Unzureichende Informationen und Vorurteile erzeugen wechselseitig unbegründete Angst, die nicht weniger gefährlich sein kann als Rüstung. Auch fördert es den Frieden nicht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen."

 

Aus den USA erreicht uns die Nachricht von einem Streit zwischen der Fernsehgesellschaft ABC und den Vereinten Nationen (UNO): In einer für 1987 geplanten Fernsehserie spielt die UNO die Rolle eines Hilfskommandos der Sowjets. Nordamerika Ende der 90er Jahre. Die Sowjets haben das Land nach einem Nuklearangriff besetzt. Die US-Streitkräfte sind ausgeschaltet, der Präsident ist eine Marionette sowjetischer Herrschaft. Die Besatzer üben ihre Macht nicht nur durch eigene Truppen, sondern mit Hilfe der UNO-Kräfte aus, die mordend, sengend und vergewaltigend durch Städte und Dörfer ziehen. Lebensmittel sind rationiert, der Schwarzmarkt blüht, In diesr Situation schreiten tapfere amerikanische Patrioten zur Tat; sie organisieren den Befreiungskampf. Den Kinokenner erinnert dieser Stoff an ähnliche Produktionen aus jüngster Zeit. Bereits "Die rote Flut" propagierte neuen fanatischen Antikommunismus auf Leinwandformat.

 

Tatsächlich haben zu allen Zeiten auch demokratische Politiker gezeigt, dass sie für ihr Weltbild ein Feindbild brauchen. Bei der Versailler Friedenskonferenz führte US-Präsident Wilson aus, eine Nation von Gelbhäuten könne nicht ebenso behandelt werden wie eine Nation von Weißen (1). Von Churchill ist die Äußerung verbürgt, es wäre besser gewesen, das kommunistische Baby in der Wiege zu erwürgen (2). US-Präsident Reagan bezeichnete 1983 in einer Rede vor Christen den Kommunismus in Gestalt der Sowjetunion als "das Zentrum des Bösen in der Welt".

 

Die meisten Menschen im Westen sind davon überzeugt, dass demokratische Staaten ihre Differenzen stets friedlich regeln könnten und vor allem der Kommunismus, allenfalls noch nationalistische Diktaturen, uns bedrohten. Umgekehrt scheint für die Kommunisten die Existenz des Kapitalismus die Quelle des Unfriedens in der Welt (3). Solange sich jedoch die Menschen Spannungen zwischen den Mächten nur in Bild und Sprache der jeweils eigenen Ideologie begreifbar machen, kann es kein Verstehen zwischen den Völkern geben. Die Versöhnung mit dem einstigen "Erbfeind" Frankeich ist heute Realität, die Versöhnung mit Polen macht Fortschritte, bei der Versöhnung mit der Sowjetunion stehen wir erst am Anfang. Der Weg dorthin setzt auf beiden Seiten die Bereitschaft voraus, sich von Feindbildern zu befreien. Politik und Medien, auch die Kirchen, müssen durch gezielte Aufklärung ihren dauernden Beitrag dazu leisten. Wir Christdemokraten sind gefordert, die gängige Bedrohungsanalyse unserer Partei, was Absichten und Fähigkeiten der Sowjetunion angeht, kritisch zu überprüfen. Es bedarf keiner ausgeklügelten politischen Psychologie zu der Erkenntnis, dass der Antikommunismus bis heute nur deshalb besteht, will er immer wieder neue Nahrung bekommt. Karl-Wilhelm Fricke beschreibt die Leidensgeschichte von Demokraten im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands (4). Unbestritten resultiert das heutige "Feindbild Sowjetunion" auch aus frühen Erfahrungen vieler Parteiführer, die aus der einstigen sowjetischen Besatzungszone gekommen sind. Der Weg, den die CDU in Mitteldeutschland bis zur Gründung der DDR zurücklegte, ist der einer kämpferischen, aber erfolglosen Opposition gegen die Aushöhlung von Recht und Freiheit. Trotz der Unterstützung durch die sowjetische Besatzungsmacht benötigten die Kommunisten Jahre, um die geistigen, politischen und sozialen Fundamente der CDU zu zerstören. Die bürgerlichen Parteien hatten in Mitteldeutschland in den Jahren nach dem Krieg niemals eine faire Chance. Die Zulassung von Parteiverbänden verzögerte sich häufig, bei der Zuteilung von Papierkontingenten für Druckerzeugnisse und der Zuteilung von Benzin wurden CDU, LDP wie auch SPD benachteiligt. Auf die Wahlerfolge von CDU und LDP selbst in Städten mit sozialistischen Traditionen reagierten die Kommunisten mit Repressionen. Die CDU-Führer Andreas Hermes, Walther Schreiber und Jakob Kaiser wurden per Befehl der sowjetischen Bestzungsmacht abgesetzt. Diese Männer, wie auch der 1949 verhaftete Vorsitzende des CDU-Landesverbandes Sachsen-Anhalt, Leo Herwegen, stehen stellvertretend für viele Christdemokraten, die auf Grund ihres demokratischen Engagements von den Kommunisten als "reaktionäre und faschistische Elemente" verfolgt wurden.

 

Noch im Wintersemester 1948/49 erreichten die CDU- und LDP-Hochschulgruppen bei den Studentenratswahlen Mehrheiten von 50 -70 %. "Allein bis zur Gründung der DDR sind mindestens 400 bis 500 Studenten vom sowjetischen Sicherheitsdienst verhaftet und wegen ihrer Opposition von sowjetischen Militärgerichten zu langjährigen Freiheitstrafen und sogar zum Tode verurteilt (und nicht selten hingerichtet!) worden.!4 In Waldheim (Sachsen) fällte die DDR-Justiz 1950 innerhalb weniger Monate 3400 Urteile "ganz im Stil des Nazismus und seiner Volksgerichte". (Thomas Mann, 1951) Kein einziges dieser Urteile hält auch nur geringsten rechtsstaatlichen Anforderungen stand (5).

 

Erlebnisse dieser Art baben die Menschen und natürlich auch die CDU-Verantwortlichen jener Zeit geprägt, wie auch die entsetzlichen Vorgänge beim Einbruch der roten Armee, die Demontagen und die Schicksale der deutschen Kriegsgefangenen in Sibirien keinen Anlass boten, den Antikommunismus der Ära Adenauer zu hinterfragen.

 

Diese Vorgänge erklären viel, aber sie entschuldigen nicht die Folgen der krassen Schwarz-Weiß-Überzeichnung, wie sie auf CDU-Wahlplakaten der 50er Jahre zu sehen sind. "Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau" - ein Slogan, dessen Aussage sich mit Bllick auf die Entwicklung des Eurokommunismus als falsch erwiesen hat. Im Bild ein auf Angriff lauernder Sowjetsoldat, ein anderes Plakat zeigt eine rote Hand, die von hinten gierig nach einer deutschen Frau mit Kind greift. Die Union wollte auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf die rücksichtslose Machtausübung durch die Sowjets hinweisen. Die Motivwahl war jedoch ein Fehlgriff, denn sie ruft unvermeidlich Assoziationen mit den von den Nazis propagierten "sowjetischen Untermenschen" hervor. Den Gegner draußen zum Inbegriff des Bösen und die Gegner drinnen zur "Fünften Kolonne" zu bestimmen, dies gehört indessen heute noch zum gängigen Vokabular der Politik. So ist ein tief emotionaler Antikommunismus durchgehende Haltung vieler Menschen geblieben - vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, während Hitlers Diktatur und erneut in der aufstrebenden Bundesrepublik.

 

Diese Haltung erschwert heute die Erkenntnis, dass die bundesdeutsche Furcht "Der Russe kommt" sich in der Furcht vieler Menschen in der Sowjetunion "Der Deutsche kommt" wiederspiegelt. Unverständlich ist dies nicht, denn die deutsche Wehrmacht war es ja, die gekommen war. Jörg Zink schreibt: "Es würde sich zum Beispiel sehr lohnen, in unserer eigenen Geschichte zurückzufragen, woher die Angst der Russen vor den Deutschen rührt. Immerhin fand der Einfall Hitlers in Russland statt in dem Jahr, das einem feierlich beschworenen Nichtangriffspakt folgte. Aber das würde ja bedeuten, dass wir nicht mehr mit solcher Selbstgerechtigkeit vom Friedenswillen der Deutschen und von der Aggressivität Russlands reden könnten (6)."

 

Wer erinnert sich daran, dass die oberste deutsche Heeresleitung im 1. Weltkrieg am Zustandekommen der Oktoberrevolution beteiligt war? Sie ließ Lenin und andere russische Revolutionäre ganz offiziell durch Deutschland reisen, in der Hoffnung, dass diese in Russland eine entscheidende Veränderung bewirken würden. So geschah es: die neue sowjetische Regierung unterwarf sich am 3. März 1918 dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk, der dem Deutschen Reich und Österreich mehr als 150 000 km2 des ehemaligen russischen Reichs einbrachte. Nur sechs Tage später landeten britische Invasionstruppen in Murmansk. Es folgten amerikanische, französische, japanische und tschechische Truppen, die aus allen Richtungen in die Sowjetunion einbrachen. Nach Angaben des damaligen französischen Außenministers Pichon bestand die Invasionsarmee auf dem Höhepunkt der Kämpfe aus 900 000 Mann. Etwa 150 000 Weißrussen und Soldaten mongolischer Regimenter kamen hinu. Die Geschichte dieses Krieges ist für die Russen eine nationale Erinnerung wie die Geschichte der Verteidigung gegen den Feldzug Napoleons 1812/13.

 

Im 2. Weltkrieg trugen die Menschen in der Sowjetunion die schwerste Last. Bis heute ist in der deutschen Öffentlichkeit über das Schicksal der russischen Kriegsgefangenen wenig bekannt. Von den 5,7 Millionen sowjetischen Gefangenen kamen 3,3 Millionen in Deutschland um. Von den 3,2 Millionen Deutschen in russischer Kriegsgefangenschaft starben 1,2 Millionen. Natürlich blockt man diese weithin unbekannten Zahlen mit der empörten Reaktion ab, das könne man nicht aufrechnen. Sicher darf man millionenfachen Schrecken nicht aufrechnen. Indessen geht es darum, in Erinnerung zu rufen, dass jeder zweite russische Soldat, der in deutsche Hände fiel, in der Kriegsgefangenschaft umkam (7).

 

Mit dem Rückzug der deutschen Truppen brach über die besetzten Gebiete noch einmal eine fürchterliche Zerstörung herein. Hitler hatte befohlen, nur "verbrannte Erde" zurückzulassen. Die Ausführenden waren SS-Einheiten, aber auch die deutsche Wehrmacht. Nur der teilweise schnelle Vormarsch der Roten Armee verhinderte, dass überall die Politik der verbrannten Erde alle Lebensgrundlagen in der westlichen Sowjetunion zerstören konnte. Insgesamt haben die Sowjets ca. 20 Millionen Kriesopfer zu beklagen. Wer sich dies vergegenwärtigt, muss sich eigentlich wundern, dass die heutige Bevölkerung in der Sowjetunion für Einkreisungs- und Bedrohungsszenarion nicht noch viel empfänglicher ist.

 

In seinem Buch "Der Sowjetmensch" gibt Klaus Mehnert bereits 1959 eine Antwort auf die Frage, was wir als Volk, als Staat und als einzelne tun können, um das Zusammenleben der Völker im Atomzeitalter zu fördern. "Wir müssen dem Sowjetbürger durch unser Verhalten verständlich machen, dass wir ihm und damit der ganzen Bevölkerung der Sowjetunion gegenüber keine unfreundlichen Gefühle hegen, dass wir vielmehr für seine kulturellen und wirtschschaftlichen Leistungen Hochachtung empfinden, dass wir das Sowjetvolk als eines der großen Völker der Gegenwart betrachten und seine Freundschaft wünschen (8)." Ein solches Verhalten setzt die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis voraus und dazu, sich in die Lage des anderen zu versetzen.

 

Es geht nicht darum, gefährliche Militärpotentiale zu verharmlosen. Es ght darum, ihre Ursachen offenzulegen. Rüstung lebt von Feindbildern - hüben wie drüben. Denn Feindbilder sind die Grundlage für Bedrohungsanalysen. Diese Analysen sind oftmals ein Produkt aus Fehl- und Falschinformationen, aus Vorurteilen und Unwägbarkeiten. Bedrohungsängste sind die schlechteste Grundlage für eine realistische Politik. Kurt Biedenkopf stellt fest, Gleichgewicht dürfe nicht nur militärisch berechnet werden. In die Gleichgewichtskörbe gehörten auch die Bereiche der Wirtschaft und der Politik. Darin aber sei der Westen der Sowjetunion bei weitem überlegen (9). Tatsächlich drängt sich die Frage auf, ob es mit der Geschlossenheit des großen und reichen westlichen Bündnisses so schlecht bestellt ist, dass es Druck - militärischem wie erpresserischem Druck - nicht standhalten könnte. Drei Jahrzehnte NATO-Geschichte haben gezeigt, dass nichts die Allianz so schnell und so fest zusmmenschließt, wie die direkte Drohung gegen eines ihrer Mitglieder. Daran wird sich nichts ändern. Wir haben keinen Anlass zum Kleinmut.

 

Beide Supermächte käpfen heute mit erheblichen wirtschaftlichen und politischen Problemen, was die Frage nach ihrer tatsächlichen "Stärke" neu zu stellen erlaubt. Für die Sowjetunion erwies sich zum Beispiel die Afghanistan-Intervention im nachhinein als schwere militärische Fehlkalkulation. Der fast geschlossene Protest aus der Dritten Welt bedeutete für die Sowjets politisch einen weltweiten Vertrauens- und Prestigeverlust. Sowjetische Inerventionsdrohungen gegen Polen zeigten 1980 nicht zum ersten Mal Risse im sowjetischen Bündnissystem auf (10). Im gleichen Jahr lenkte die US-Administration durch das Getreide-Embargo den Blick der Weltöffentlichkeit auf die kritische Situation der sowjetischen Landwirtschaft. Seit längerem bleibt die sowjetische Getreideernte weit hinter dem Planziel zurück, und die Sowjetunion ist gezwungen , Jahr für Jahr ausländisches Getreide hinzuzukaufen. Auch auf technologischem Gebiet besteht eine starke Abhängigkeit der kommunistischen Staaten von westlichen Wirtschaftskontakten. Somit stellt sich die Frage, welche Hebel die Sowjetunion für eine mögliche "Erpressung" gegen westliche Länder überhaupt besitzt. Jedenfalls bestehen Verflechtungen, die eher den Zwang zu gegenseitiger Rücksichtnahme verstärken (11).

 

Aber auch eine realistische Einschätzung des Verhältnisses zwischen den USA und den westeuropäischen Ländern tut not. Hier bildet der - vielfach rücksichtslos geführte - Wirtschaftskampf der USA gegen die europäische Gemeinschaft eine neue Qualität. Es ist gewiss nicht Antiamerikanismus, wenn wir Christdemokraten besorgt auf die großen amerikanischen Rüstungsprogramme als eine Ursache für die hohe Staatsverschuldung der USA hinweisen. Nicht zuletzt ist in den USA eine Rückwendung zu einem neuen Nationalismus zu beobachten. Dies muss Westeuropa - inzwischen in der Gesamtwirtschaft und in der Gesamtbevölkerung größer als die USA - zu einer selbstbewussteren Sicherheits- und Entspannungspolitik mit dem Blick auf eigene Stärke und Verantwortung ermutigen. Dies wird nicht nur wirtschaftlichen und politischenGegebenheiten gerecht, sondern gibt auch uns Christdemokraten die Chance, uns nocht stärker als bisher zum Fürsprecher einer Politik des friedlichen und verständnisvollen Ausgleichs zu machen.

 

Literaturhinweise

 

(1) Aldous Huxley, Plädoyer für den Weltfrieden, München 1984 (Deutsche Erstausgabe), Titel der Orginalausgabe: "What Are You Going to Do About It" Place Pledge Union 1937, 1984.

(2) Dieter Lattmann, Antikommunismus, Entstehung - Wirkung - Überwindung. In: Mediatus, Heft 5, 1986.

(3) Carl Friedrich von Weizsäcker, Bedingungen des Friedens, Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Göttingen 1963.

(4) Karl Wilhelm Fricke, Opposition und Widerstand in der DDR, Köln 1984.

(5) Karl Wilhelm Fricke, Politik und Justiz in der DDR, zur Geschichte der politischen Verfolgung 1945-1968, Köln 1979.

(6) Jörg Zink, Wie übt man Frieden? Über den Umgang mit dem Bösen und die Liebe zum Feind, Stuttgart/Berlin 1982.

(7) Christian Streit, Keine Kameraden, Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945, Stuttgart 1980.

(8) Klaus Mehnert, Der Sowjetmensch, 11. Auflage, Stuttgart 1971.

(9) Universität Bielefeld (Hrsg.), Wortprotokoll einer Diskussionsveranstaltung "Sicherheitskonzepte nach der Nachrüstung" an der Universität Bielefeld am 2. 2. 1984 mit Kurt Biedenkopf und Egon Bahr.

(10) Klaus von Beyme, Die Sowjetunion in der Weltpolitik, München 1983.

(11) Friedhelm Mühleib, Politik mit dem Hunger, Weizen als Waffe, Bild der Wissenschaft, Heft 1, 1983.

 

Zum Autor:

 

Der Autor Michael Mohs war beim Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter pädagog. Mitarbeiter im Jugendbildungsreferat und Fachbereichsleiter Aussiedlerintergration. Seit 1993 arbeitete er als Projektleiter und Bildungsreferent der Jakob-Kaiser-Stiftung e.V. in Brandenburg, seit 1997 in Weimar (Thüringen). Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Bildungsarbeit, Migration und Integration, Politische Partzipation