Integrationsseminare für junge Aussiedler/innen aus Osteuropa



Mirjam Hufschmidt / Michael Mohs

Integrationsseminare für junge Aussiedler/innen aus Osteuropa

 

In: Förderung der Integration von Aussiedlerinnen und Aussiedlern durch politische und interkulturelle Weiterbildung. Herausgegeben vom Institut für Schule und Weiterbildung NRW, Soest 1993

 

Inhalt

 

1. Was heißt hier Integration?

2. Kurze Anmerkungen zur Institution

3. Die Ausgangsidee - Warum ein Projekt zur Aussiedlerintegration?

4. Junge Aussiedler/innen - Wechsel der Lebenswelten

5. Bedingungen für die Bildungsarbeit mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern

6. Anmerkungen zur Teilnehmergewinnung

7. Praxisbeispiel: ein Wochenendseminar in der Bildungsstätte

8. Eine abschließende Einschätzung

Zu den Autoren

 

 

1. Was heißt hier Integration?

 

Ein Dozent eröffnete im Rahmen einer Fachtagung zur Aussiedlerintegration seinen Vortrag mit der Fragestellung: "Wie integriert man Deutsche in Deutschland?" Seine Frage verweist einerseits recht pointiert auf die Eingliederungsproblematik bei jugendlichen Aussiedlerinnen und Aussiedlern. Deren soziale, kulturelle und politische Sozialisation weist erhebliche Unterschiede zu der gleichaltrigen deutscher Jugendlicher auf, die in der Bundesrepublik geboren und aufgewachsen sind.Andererseits provoziert seine Formulierung eine grundsätzliche Klärung, die wir unserem Erfahrungsbericht über Integrationsseminare mit jugendlichen Aussiedler/innen voranstellen möchten.

 

Integration wird hier nicht verstanden als administrativer Prozess, der durch die behördlich veranlassten rechtlichen Festlegungen (z.B. Ausstellung des Vertriebenenausweises, Recht Zur Teilnahme am Intensivsprachkurs) und materiellen Zuweisungen (z.B. Eingliederungsgeld) gekennzeichnet ist.

 

Integration wird als sozialer und beiderseitiger Vorgang aufgefasst, an dem die Zuwanderer und die einheimische Bevölkerung beteiligt sein sollen. Integration ist demnach keine Einbahnstraße: Nicht nur vom Zuwanderer können Schritte zur Eingliederung erwartet werden, sondern auch von der aufnehmenden Gesellschaft muss Lernbereitschaft und Akzeptanz erwartet werden können. In diesem beiderseitigen Prozess sollen die neuen Mitbürger/innen nicht einer einseitigen Anpassung ausgesetzt werden - Einheimische sollen zum "Respekt für das Anderssein" motiviert werden. Für unsere Arbeit mit Jugendlichen bedeutet dieses Integrationsverständnis: Das "kulturelle Gepäck" der jugendlichen Aussiedler/innen sollte nicht nur erhalten werden können, sondern auch als Lern- oder Informationsangebot an die Majoritätskultur der in der Bundesrepublik aufgewachsenen Jugendlichen verstanden und aufgearbeitet werden.

 

 

2. Kurze Anmerkungen zur Institution

 

Mit diesen Vorgaben haben wir in den Jahren 1991/1992 im Rahmen eines vom Bundesministerium für Frauen und Jugend (BMFJ) geförderten Projektes Intergrationsseminare konzipiert und durchgeführt. Die Seminnare fanden überwiegend im Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter statt, ein Haus der außerschulischen politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, das von der Stiftung Christlich - Soziale Politik e. V. getragen wird. Das Jahresprogramm des Arbeitnehmer-zentraums Königswinter lässt als Schwerpunkte der Bildungsarbeit

 

• Seminarangebote für Betriebsräte, Personalräte und Jugendvertreter

• gewerkschaftlich orientierte, entwicklungs- und deutschlandpolitische Maßnahmen sowie

• Jugendseminare

 

erkennen. Das Angebot des Fachbereichs BürgerIntegration an Wochen- und Wochenendkursen in dieser Bildungsstätte wurde ergänzt durch

 

• externe Tagesseminare sowie

• Beratungs- und Informationsarbeit für Jugendliche und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen in der Elingliederungsarbeit.

 

Eine besonders ausgeprägte Zusammenarbeit erfolgte themen- und zielgruppenbedingt mit den Fachbereichen Jugendbildung und Internationale Zusammenarbeit.

 

 

3. Die Ausgangsidee - Warum ein Projekt zur Aussiedlerintegration?

 

Die Idee zum Projekt "ArbeitsGemeinschaft BürgerIntegration" ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Ausreise von deutschen Aussiedlern aus Osteuropa entstanden: In den Herkunftlsändern haben Aussiedlungswillige meist keine Möglichkeit, sich ein ausreichendes und unverfälschtes Bild von Deutschland zu machen. Nicht wenige lassen sich von zu optimistischen Erwartungen leiten. Neben der erstversorgung mit Wohnraum und Sprachkursen sind Information und Aufklärung über die gesellschafts-, wirschafts- und sozialpolitischen Zusammenhänge wichtig. Zur Einübung in Demokratie und Pluralismus haben Aussiedler vor der Aussiedlung aus den ehemals totalitären, monistischen Ostblockstaaten kaum oder nie Gelegenheit gehabt. Die Beständigkeit einer freiheitlichen Demokratie hängt aber vom Engagement der Bürger/innen ab und in hohem Maße auch davon, dass aus Kenntnis der politischen Straukturen und nach demokratischen Regeln Entscheidungen getroffen werden und nicht aus emotionaler Beliebigkeit. Daher erschein uns die Förderung von Maßnahmen für Aussiedler/innen im Rahmen außerschulischer politischer Bildung auch in den kommenden Jahren als unverzichtbar.

 

Aussiedler/innen werden in weiten Teilen der Bevölkerung ebenso wie Ausländer/innen und Flüchtlinge als "Sündenböcke" für vermeintliche und tatsächliche Missstände benutzt. Informationsdefizite und Überfremdungsängste der Einheimischen mindern die Aufnahmebereitschaft und -fähigkeit von Zuwanderern und erschweren die Integration. Zusätzlich zeigen nicht wenige Aussiedler/innen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern Ablehnung, die u.a. durch Probleme mit der eigenen Identitätsfindung bedingt sind. Diese Spannungen sind eine Herausforderung für die politische Bildung. Sie kann zwar wesentliche Ursachen für Fremdenfeindlichkeit - wie z.B. wirtschafts- und sozialpolitische Defizite der Politik - nicht beheben. Aber im Rahmen interkultureller Bildungsarbeit können Menschen Lösungsansätze vermittelt werden, um Vorurteile und ethnozentristische Denkmuster zu erkennen und aufzuarbeiten.

 

4. Junge Aussiedler/innen - Wechsel der Lebenswelten

 

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter den Aussiedlern ist mit etwa 30% im Vergleich zur einheimischen Wohnbevölkerung der Bundesrepublik außergewöhnlich hoch. Sie gelangen meist auf Initiative der Eltern - oft gegen ihren eigenen Willen - in die Bundesrepublik. Der Wechsel findet in einer Lebensphase statt, die ohnehin unruhig ist und viele Veränderungen bringt.Vor diesem Hintergrund sollten wor allem folgende Vorbedingungen bei der Planung und Durchführung von Integrationsseminaren Berücksichtigung finden:

 

• Der vollständige Wechsel zwischen unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und Kulturen verlangt von jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern zusätzliche tiefgreifende Umorientierungen - nicht nur im sprachlichen Bereich, sondern auch in Feldern der sozialen und gesellschaftlichen Eingliederung. Die Umstellung auf weniger autoritäre Lebens- und Gesellschaftsformen sowie radikale Veränderungen der familiären, materiellen, schulischen und beruflichen Situation sind kennzeichnend für junge Aussiedler/innen.

 

• Junge Aussiedler/innen berichten oft von einer "Sprachlosigkeit" durch die vielen unerwarteten Eindrücke nach der Ankunft im Westen. Es kann lange dauern, bis diese "Sprachlosigkeit" überwunden ist und sie beginnen, in der für sie fremden Umwelt "Identität" zu finden. Sie überwinden einen Kulturschock, den unsere Gesellschaft provoziert, da ihre bisherigen Sinn- und Lebenserfahrungen hier kaum Entsprechungen finden, sie teilweise auch ausgrenzen. Zum Verlust der bisherigen sozialen Beziehungen kommen fehlende Kontakte zu einheimischen Jugendlichen. Dies alles wird nicht selten als tiefe Krise durchlebt und birgt gerade für die Jugendlichen die Gefahr einer emotionalen Entwurzelung, die von der Familie in aller Regel nicht aufgefangen werden kann.

 

• Die ungenügenden Sprachkenntnisse unterbrechen also nicht nur die Kontinuität der Schul- und Berufsausbildung, sondern erschweren die Auseinandersetzung mit der neuen Lebenswelt, dem neuen Gesellschaftssystem und den hier geltenden Denkweisen und Wertvorstellungen. Die erlernte Sprache übernimmt bei jungen Aussiedler/innen die Funktion eines Refugiums. Sie dient als Medium der emotionalen Artikulation. Die deutschen Sprache hingegen wird für den kognitiven Bereich angewendet. Zur Wirklichkeit jungen Aussiedler/innen in der Bundesrepublik gehört, dass sie in ihrer bisherigen Sozialisation die Sprache des Herkunftslandes als Muttersprache gelernt haben! Die Anerkennung der Muttersprache als zentrale Grundlage zur Identitätsentwicklung muss als unumstritten angesehen werden.

 

 

5. Bedingungen für die Bildungsarbeit mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern

 

Eine zielgerichtete pädagogische Arbeit mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern muss deshalb Beiträge dazu leisten, autoritäre Verhaltensmuster aus dem bislang erlebten Schul- und Lebensalltag abzubauen. Neue Freiräume müssen allmählich eröffnet, demokratische Spielregeln eingeübt werden. Eine zielgerichtete pädagogische Arbeit mit unserer Zielgruppe deutet die mangelhafte Kenntnis der deutschen Sprache nicht als Defizit. Für die schuliche und berufliche Integration der Jugendlichen ist das gewissenhafte Erlernen der deutschen Sprache unbestritten notwendig. Jedoch muss die Bilingualität - vielfach auch die Mehrsprachigkeit - als Vorteil der jungen Zuwanderinnen und Zuwanderer gegenüber den einheimischen Jugendlichen benannt werden.

 

Eine zielgerichtete pädagogischen Arbeit mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern soll nicht nur zu Eigeninitiative und Teilhabe am gesellschaftspolitischen Leben motivieren. Sie will auch Hilfestellung bei der Standortbestimmung und Selbstfindung der Jugendlichen geben. In diesem Zusammenhang erscheint es besonders wichtig, die Bedeutung des Nationalen für die Zukunft zu relativieren: Die Jugendlichen sollen erkennen, dass Menschen unterschiedlicher kultureller und nationaler Herkunft langfristig Identität durch den Austausch und das gleichberechtigte und friedliche Zusammenleben miteinander in einer Gesellschaft erfahren werden.

 

Unsere Projektmaßnahmen richteten sich grundsätzlich an Jugendliche zwischen 16 und 27 Jahren. Angesprochen wurden - überwiegend auf dem oben beschriebenen Weg - Aussiedlerjugendliche aus allen Herkunftsländern, aber auch einheimische und Jugendliche ausländischer Herkunft. Die Zusammensetzung der Teilnehmergruppen nach Aussiedlungsländern spiegelte in der Regel die Zahlenverhältnisse der jeweilig aktuellen Aufnahmestatistik wider. Überwiegend handelte es sich bei unseren Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern um junge Aussiedler/innen zwischen 16 und 22 Jahren.

 

 

6. Anmerkungen zur Teilnehmergewinnung

 

In vielen Einrichtungen, die Eingliederungsangebote für junge Aussiedler/innen anbieten, wird häufig über Probleme bei der Teilnehmergewinnung und mangelnde Motivation der Jugendlichen Klage geführt. Zwei Aspekte möchten wir dazu erwähnen:Aussiedlerjugendliche erfuhren in ihren Herkunftsländern - wenn überhaupt - in der Regel ein "von oben" organisiertes Freizeitangebot. Der Wunsch nach selbstständiger, individueller Freizeitgestaltung wurde in den letzten Jahren auch in den Ostblockländern immer deutlicher geäußert - teilweise durch Verweigerung bestehender Angebote. Es ist eine Aufgabe gerade der politischen Jugendbildungsarbeit, mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern Grundlagen und konkrete Auswirkungen eines pluralistischen Gesellschaftssystems auf das Alltagsleben aufzuarbeiten. Junge Russlanddeutsche können häufig bereits mit dem Begriff "Freizeitangebot" wenig anfangen - weil sie Vergleichbares nie kennengelernt haben.

 

Aussiedlerjugendliche versuchen meist, sich möglichst schnell dem "westlichen Lebensstandard" anzunähern, um nach außen Anpassungsbereitschaft und -fähigkeit zu signalisieren. Die Konsumorientierung ist in den ersten Jahren nach der Aussiedlung oft wesentlich ausgeprägter als das Interesse an Angeboten der Jugend- oder Jugendbildungsarbeit. Vor allem bei jugendlichen Aussiedlerinnen und Aussiedlern aus Polen ist diese Neigung sehr ausgeprägt. Junge Aussiedler/innen aus dem GUS-Bereich sind hingegen eher sparsam, zielstrebiger und familienorientierter.

 

Im Vergleich zu den hier aufgewachsenen Jugendlichen heiraten Aussiedlerjugendliche in der Bundesrepublik darüber hinaus wesentlich früher und fallen auch daher schneller aus der Gruppe potentieller Teilnehmer/innen heraus.

 

Diese und mögliche weitere Aspekte müssen bei der Teilnehmergewinnung und Seminarkonzeption berücksichtigt werden. Darüber hinaus zeigt die Erfahrung, dass junge Aussiedler/innen zuallerletzt durch schriftliche Einladungen, Informationsbroschüren oder Flugblätter für eine Teilnahme an Integrationsseminaren zu motivieren sind. Die Motivation scheint ausschließlich durch Personen gewährleistet, die den/die potentielle/n Teilnehmer/in kennen und dessen Vertrauen sie genießen. Die Mittlerfunktion zwischen dem Träger einer Maßnahme und den Jugendlichen müssen demnach in aller Regel Multiplikatoren übernehmen: z.B. Sozialpädagogen des Jugendgemeinschaftswerkes, Jugendpfleger in der Pfarrgemeinde, Sprachlehrer/innen, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen in der Eingliederungsarbeit, Sozialarbeiter/innen, Freunde, Nachbarn, Aussiedlerbeauftragte.

 

Daraus ergeben sich neben der Notwendigkeit der Kooperation eines Trägers der Politischen Bildung mit oben genannten Einrichtungen und Einzelpersonen auch Chancen für die Jugendlichen. Die spezifische Situation der Aussiedlerjugendlichen macht Treffpunkte für diese Gruppe, wie sie z.B. die Jugendgemeinschaftswerke anbieten, unentbehrlich, da sie Schutz und Raum für Gespräche, Austausch und Pflege gemeinsamer Interessen bieten. Zugleich müssen diese Einrichtungen auch Ausgangspunkt für Schritte in die "Neue Heimat" sein, die sie nach Möglichkeit gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen unternehmen sollten.

 

 

7. Praxisbeispiel: ein Wochenendseminar in der Bildungsstätte

 

Der Seminarverlauf eines Wochenendseminars in der Bildungsstätte gliedert sich in folgende Seminareinheiten auf:

 

Freitag

Anreise am Nachmittag

Seminareinheit: "Sich wahrnehmen - sich zurechtfinden."

Abendessen

Fortsetzung der Seminareinheit

Präsentation der Ergebnisse

 

Samstag

Frühstück

Seminareinheit: "Die Parteienlandschaft in der Bundesrepublik Deutschland" (Politik 1)

Exkursion: Stadterkundung im "politischen Bonn" (Politik 2)

Abendessen

Gemeinsame Abendveranstaltung (Kegeln, Spieleabend, Disco, etc.)

 

Sonntag

Frühstück

Gelegenheit zum Kirchgang

Seminareinheit: "Selbstbild - Fremdbild"

Mittagessen

Auswertung und Seminarkritik

 

 

• Lerneinheit "Sich wahrnehmen - sich zurechtfinden."

Neue Heimat Bundesrepublik: Wir wir sind, woher wir kommen, was wir von Deutschland erwarten.

 

Jedes Seminar beginnt mit einer Einführungseinheit, die der Vorstellung der Seminarteilnehmer/innen und des Tagungspersonals dient.

 

Ziele: Die Jugendlichen sollen sich in dieser Phase kennenlernen, d.h. vor allem ihre jeweilige Individualität wahrnehmen. Sie sollen artikulieren, welche Gefühle, Erfahrungen und Erwartungen sie mit der "neuen" Heimat verbinden. Sie sollen schließlich lernen, dass die Mobilität der Menschen gestiegen ist und dass Menschen durch unterschiedliche "Heimaten" auch unterschiedliche Prägungen erfahren haben.

 

Materialien: Benötigt werden eine Welt- oder Europakarte, Tafel und/oder Flip-Chart, bunte stecknadeln, Material für die Collagenarbeit (Scheren, Papier, Kleber, ect.), Stellwände, Filzschreiber.

 

Methoden: Angewendet werden Einzelarbeit und/oder Gruppenarbeit sowie das Vortrags- oder Auswertungsgespräch im Plenum.

 

Ablauf: Nach der Begrüßung und ersten kurzen organisatorischen Hinweisen folgt ein Frage-/Antwortspiel, dass sowohl im Plenum als auch in Kleingruppen (mit anschließender Auswertung im Plenum) durchgeführt werden kann. Alle Teilnehmer/innen, möglichst auch die Referentinnen/Referenten und Teamer/innen, beantworten Fragen mit geographischem Bezug, die auf Geburtsort, Kindheit, Wohnungswechsel, Urlaub, Auslandsbeziehungen, Auslandsaufenthalte usw. abzielen. Die Auswertung im Plenum ergibt erfahrungsgemäß selbst in kleineren, homogeneren Gruppen ein vielfältiges Bild unterschiedlichster Lebensstationen. Empfehlenswert ist die Darstellung der Antworten auf einer Europa- oder Weltkarte mit Hilfe von Stecknadeln mit großen, bunten Köpfen oder ähnlichen Hilfsmitteln. Referentinnen/Referenten und Teamer/innen lenken das Auswertungsgespräch auf das Zusammenleben in der einen Welt sowie auf das Recht auf Freizügigkeit und die zunehmende Migration in unserer Zeit.

 

In der anschließenden Phase werden die Jugendlichen zu einer Collagenarbeit animiert, bei der sie anhand der Leitfragen"Wer wir sind, woher wir kommen, was wir von Deutschland erwarten" ihr persönliches Erleben und ihre Erwartungen verarbeiten. Je nach Sprach- und Leistungsniveau der Gruppe kann die o.a. Leitfrage auch in mehrere gezielte Fragen aufgegliedert werden.

 

Die Präsentation der Arbeiten auf Stellwänden prägt die dritte Phase der Einführungseinheit. Die intensive Auseinandersetzung mit den Fragestellundn auf kreative Weise erleichtert erfahrungsgemäß die anschließende Vorstellung der eigenen Arbeit - mit eigenen Worten vor der Gruppe - in deutscher Sprache. Das Lern- und Erfolgserlebnis der jungen Aussiedler/innen bei dieser Form der "Vorstellungsrunde" sollte nicht unterschätzt werden.

 

 

• Lerneinheit "Politik 1"

"Die Parteienlandschaft der Bundesrepublik Deutschland"

 

Ziele: Die Lernziele dieser Einheit lauten: Die Jugendlichen sollen Grundlagenwissen über die Parteien erhalten, den Unterschied zwischen pluralistischen und monistischen Gesellschaftssystemen erarbeiten und die Notwendigkeit für das eigene politische Engagement erkennen.

 

Materialien: Benötigt werden bunter Karton, Filzschreiber, Tafel und/oder Flip-Chart, Filmgerät oder Videorecorder.

 

Methoden: Angewendet werden ein Brainstorming, ein Impulsreferat und Kleingruppenarbeit.

 

Ablauf: Die erste Phase dieser Lerneinheit nutzen die Referenten u.a. zu einer Einschätzung des Wissensstandes der Jugendlichen. Ein Brainstorming, in dem die Jugendlichen auf bunten Karton stichwortartig zusammentragen, was sie über Politik wissen, kann mit einem anschließenden Auswertungsgespräch bereits grundlegende Begriffe und Zusammenhänge zum politischen System und der Parteienvielfalt der Bundesrepublik klären.

 

Für einen Teilnehmerkreis ohne ausreichendes Vorwissen bietet sich an, die o.a. Übung durch Kleingruppenarbeit zu ersetzen oder zu ergänzen. Zwei etwa gleichgroße Gruppen werden in weitere Kleingruppen unterteilt und erhalten unterschiedliche Fragestellungen: "Was bedeutet für Dich Demokratie?" und "Was bedeutet für Dich Freiheit?". Erfahrungsgemäß stellt sich in der Auswertung heraus, dass die Antworten auf die Fragen inhaltlich gleich ausgefallen sind. In der Auswertung wird die wechselseitige Abhängigkeit beider Begriffe deutlich gemacht. In den Kleingruppen sollten die Jugendlichen möglichst anhand von Alltagsbeispielen aus der Bundesrepublik und aus ihrem Herkunftsland Rahmenbedingungen und Anwendungsfelder von Freiheit und Demokratie diskutieren.

 

In einer weiteren Phase wird der Film "Aufstand der Tiere" eingesetzt, der über die Medienzentralen der Kommunen bestellt werden kann. Der Zeichentrickfilm schildert den Kampf der Tiere auf einem Bauernhof um Freiheit und ihren Versuch, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, nachdem sie den Bauern verjagt haben. Der Film ist als Parabel angelegt und bietet vielfältige Möglichkeiten, mit den Jugendlichen die Notwendigkeiten und die Formen gesellschaftspolitischen Engagements in der Demokratie zu erarbeiten. (Die Medienzentralen halten für Referenten ein Begleitheft zum Film bereit.)

 

 

• Lerneinheit "Politik 2"

Stadterkundung im "politischen Bonn" (Exkursion)

 

Ziele: Im Rahmen der Exkursion nach Bonn sollen die Teilnehmer/innen durch konkrete Begegnung mit politischen Institutionen Hemmschwellen vor der "großen Politik" abbauen, sollen Eigeninitiative einüben und erkennen, dass politisches Lernen und Entdecken Spaß macht und Wissen vermittelt.

 

Materialien: Benötigt werden für diese Lerneinheit Arbeitsblätter mit Aufgaben sowie Stadtpläne.

 

Vorbereitung: Es ist sinnvoll, bei der Planung des Seminars zuvor Absprachen mit den Institutionen zu treffen, die von den Jugendlichen angelaufen werden (z.B. Bundestag, Bundesrat, Partei-, Verbands- oder Gewerkschaftszentralen usw.).

 

Ablauf: Durchgeführt wird die Erkundung in Kleingruppen, die nach Möglichkeit von Teamern begleitet werden. Die Auswertungsphase nach Rückkehr in die Bildungsstätte wird genutzt, um Erfahrungen der Teilnehmer/innen untereinander auszutauschen und um offene Fragen zu klären. Den Jugendlichen kann auf diese Weise die Erfahrung vermittelt werden, dass die Bundesrepublik eine "Demokratie zum Anfassen" ist.

 

Anmerkung: In der Arbeit mit jungen Aussiedlerinnen und Aussiedlern wird sich häufig zeigen, dass trotz aller Bemühungen die Begriffe und Grundlagen dieser Themen abstrakt bleiben. Dies ist mit Blick auf ihre bisherigen Erfahrungen und ihre sprachlichen Barrieren nachvollziehbar. Referenten sollten daher abstrakte Begriffe mit lebensnahen Beispielen näherbringen. Die Kenntnis aussiedlerspezifischer Problemlagen aus Alltag und Politik ist deshalb sehr nützlich, weil so auf die Betroffenheit der Teilnehmer/innen eingegangen werden kann. Ebenso sinnvoll ist das Einfügen spielerischer Elemente (z.B. bei der Gruppenaufteilung) oder Auflockerungsübungen. Sie tragen zur Abwechslung bei und helfen mit, dem Seminarverlauf den Akademie- oder Schulungscharakter zu nehmen.

 

• Lerneinheit "Selbstbild - Fremdbild"

Das Verhältnis Deutschland - Polen - ehemalige UdSSR

 

Ziele: In dieser Seminareinheit sollen die jugendlichen Teilnehmer/innen historische und aktuelle Gesichtspunkte der Aussiedlung und des Lebens der Deutschen in Osteuropa aufarbeiten, zu einer differenzierten Wahrnehmung ihrer neuen Lebenswelt angeregt werden und erkennen, dass Vorurteile und deren Überwindung nicht nur von Sachwissen abhängen, sondern auch von der Stabilisierung des eigenen Selbstverständnisses.

 

Methoden: Angewendet werden ein Impulsreferat und Kleingruppenarbeit

 

Materialien: Fragebögen

 

Ablauf: In der Einführungsphase werden in Form eines Impulsreferates Informationen über die historische Dimension der Aussiedlung vermittelt. Erfahrungsgemäß reagieren die Jugendlichen mit einem Vergleich zum aktuellen, vor allem aber mit Ergänzungen zum selbst erlebten Geschehen. Die persönliche Betroffenheit der Teilnehmer/innen ist in jedem Fall gegeben; der Referent kann sie durch provozierende Fragen für den Seminarverlauf fruchtbar machen.

 

Den Jugendlichen wird in einer zweiten Phase ein Fragebogen zur Beantwortung ausgegeben. In Einzel- oder Kleingruppenarbeit nehmen sie Stellung zu etwa 20 Vorurteilen gegenüber Aussiedlerinnen und Aussiedlern und zu vermeintlichen Charaktereigenschaften verschiedener Volksgruppen. Erfahrungsgemäß führt der Fragebogen in Kleingruppen bereits zu intensivem oder auch kontroversem Gedankenaustausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. In der anschließenden Auswertungsphase nimmt der Referent die Ergebnisse zum Anlass, die Jugendlichen mit ihren eigenen Vorurteilen zu konfrontieren. Es wird klar, dass

 

selbst "Opfer" von Vorurteilen zu sein, nicht bedeutet, dass man andere Gruppen nicht mit der Differenziertheit begegnet, mit der man selbst beurteilt werden möchte

 

die Teilnehmer/innen sich oftmals stärker als "Russen" oder "Polen" denn als Deutsche fühlen. Das GEfühl, "Deutsche/r" zu sein, ist nicht immer sehr stark ausgeprägt.

 

Diese Seminareinheit legt erfahrungsgemäß einen verdeckten Konflikt unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern offen: Die nicht bewältigte Identitätskrise der meisten Gruppenteilnehmer/innen. Diese Einheit setzt deshalb den Einsatz erfahrener Referentinnen/Referenten und Teamer/innen voraus. Keinesfalls dürfen die Jugendlichen mit diesem Ergebnis "entlassen" werden.

 

Ein Angebot zur Konfliktbewältigung liegt in der Vermittlung eines Gesellschafts- und Menschenbildes, das nicht die nationale Zugehörigkeit als identitätsstiftend definiert, sondern das tolerante Zusammenlebenund den kulturellen Austasch von Menschen in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft. Mit dieser Abschlusseinheit kann auch auf die Einführungseinheit "Neue Heimat Bundesrepublik" (s.o.) zurückgegriffen werden.

 

 

8. Eine abschließende Einschätzung

 

Als besondere Maßnahmen sollten verstärkt Integrationsseminare durchgeführt werden, die sich ausschließlich an jugendliche Aussiedlerinnen richten. Junge Aussiedlerinnen bringen zusätzlich belastende Momente in den Prozesss der Eingliederung mit. Dazu zählt in erster Linie die traditionelle Erziehung und Fixierung auf ein weibliches Rollenverständnis, das in der Bundesrepublik Deutschland in Konkurrenz zu anderen Lebensentwürfen jungen Frauen steht (z.B. Vereinbarkeit von Beruf und Familie). Nicht wenige junge Aussiedlerinnen sehen sich daher mit erheblichen Rollenkonflikten konfrontiert. In den Familien führen enttäuschte Erwartungen an die neue Heimat, beengte Wohnverhältnisse, berufliche und finanzielle Probleme der Eltern oder auch Drogenprobleme zu weiterem Konfliktpotential, das die Versuche junger Aussiedlerinnen, ein eigenes neues Selbstverständnis in der ihnen neuen Umwelt zu entwickeln, erheblich erschwert.

 

 

 

Zu den Autoren:

 

Mirjam Hufschmidt, Jg. 1964; Studium der Sozialpädagogik; 1989-1991 Sozialarbeiterin (Betreuung der Aus- und Übersieder/innen in städtischen Übergangswohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften), 1991-1992 Bildungsreferentin Stiftung CPS e.V. (Projekt "ArbeitsGemeinschaft BürgerIntegration" - AGBI); Mitarbeit in verschiedenen Initiativen gegen Ausländerfeindlichkeit.

 

Michael Mohs, Jg. 1958; Studium der Publizistik, Politikwissenschaft, Pädagogik und Volkskunde an den Universitäten Mainz und Bonn; seit 1984 freie Mitarbeit in der außerschulischen Politischen Bildung; 1987-1991 Pädagogischer Mitarbeiter der Stiftung CSP e.V. (Jugendbildungsreferat); 1991-1992 Fachbereichsleiter (Projekt "ArbeitsGemeinschaft BürgerIntegration, AGBI"). Seit 1993 Bildungsreferent der Jakob-Kaiser-Stiftung e.V. Köln-Weimar