Demokratie durch Beteiligung



Zum 70. Geburtstag des Vorsitzenden der Jakob-Kaiser-Stiftung e.V., Karl-Heinz Hoffmann (+) sprach der ÖTV-Bundesvorsitzende Herbert Mai in Königswinter

 

Lieber Karl-Heinz, liebe Frau Hoffmann, liebe Frau Katzer, sehr geehrte Frau Ministerin Nolte, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

ich freue mich, daß wir heute hier im Adam-Stegerwald-Haus den 70. Geburtstag von Karl-Heinz Hoffmann feiern können und ich überbringe Dir, lieber Karl-Heinz, die herzlichsten Grüße unserer ÖTV und unseres geschäftsführenden Hauptvorstandes. Du hast 20 Jahre, von 1968-1988, als stellvertretender Vorsitzender der ÖTV die Geschicke unserer Organisation maßgeblich mitbestimmt. Als Du 1968 von den Delegierten des Münchener Gewerkschaftstages mit deutlicher Mehrheit in Dein Amt gewählt wurdest, sagte der Tagungsleiter, Bezirksvorsitzender aus Bayern, Willi Bopp: " (Wir wünschen) ihm von Herzen alles Gute, Glück und Erfolg in der ÖTV." Diese Wünsche gingen in Erfüllung, weil Du, was sicher nicht einfach war, viermal mit großer Mehrheit wiedergewählt wurdest. Zwar gehörst Du zu den Gewerkschaftern der ersten Stunde, hattest Dir auch als christlicher Gewerkschaftler bereits einen Namen geschaffen, Mitglied der ÖTV wurdest Du jedoch erst im Jahre 1968.

 

1968 wollte die ÖTV den Gedanken der Einheitsgewerkschaft auch durch die Kontinuität eines christlichen Kollegen in der Führungsspitze zum Ausdruck bringen. Gesucht wurde "ein profilierter Vertreter des sozialen und gewerkschaftlichen Flügels der CDU mit gewerkschaftlicher Erfahrung" wie es Heinz Kluncker, der damalige Vorsitzende, ausdrückte. Mit Dir, lieber Karl-Heinz - Du warst damals Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der CDU - hatte man einen sehr guten Kandidaten gefunden. Seit 1961 hattest Du, was den wenigsten noch bekannt ist, zuerst im Stillen, dann offen, Verhandlungen geführt mit dem Ziel, die christlichen Gewerkschaften der Bundesrepublik wieder in die Einheitsgewerkschaft zurückzuführen. Vehement hast Du dich gegen Vorwürfe gewehrt, der DGB würde sich zur Richtungsgewerkschaft entwickeln oder sei in Teilen bereits Richtungsgewerkschaft. Unter Deiner Führung konnten die Verhandlungen mit den christlichen Metallarbeitern an der Saar und in anderen Gebieten erfolgreich abgeschlossen werden. Hier zeigte sich Dein Verhandlungsgeschick, auf das sich die ÖTV dann auch später immer wieder verlassen konnte.

 

Als Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes übernahmst Du 1968 die Bereiche Mitbestimmung, Betriebs- und Personalvertretung, Vertrauensleute, Energiepolitik, öffentliche Wirtschaft und die Hauptabteilung Energie- und Wasserversorgung. Aus der Vielfalt der Aufgaben möchte ich nur zwei Bereiche herausgreifen. Für den Bereich Mitbestimmung bliebst du während Deiner gesamten Amtszeit zuständig. Geprägt von der katholischen Soziallehre, den Nachkriegsdebatten in der CDU um die Mitbestimmung und Deiner Tätigkeit in den Sozialausschüssen unter Hans Katzer, war Dir dieser Aufgabenbereich immer ein besonderes Anliegen. Du wurdest der Motor der Mitbestimmungsinitiative der ÖTV. Im September 1969 legtest Du dem Hauptvorstand drei Mitbestimmungsmodelle vor: - für den Bereich der kommunalen Eigenbetriebe, - für den Bereich der Sparkassen und Bausparkassen, - für den Bereich der Sozialversicherungsträger. Zur Begründung schriebst Du 1970 in einem Zeitungsartikel: "Staatliches Handeln, das sich für den Bürger in besonderer Weise in den öffentlichen Dienstleistungen auswirkt, darf nicht nur an den wirtschaftlichen Vorentscheidungen der Großindustrie orientiert sein. Vielmehr müssen die öffentlichen Dienstleistungen für alle Bürger im Interesse eines wohlverstandenen Allgemeinwohls erbracht werden. Aus dieser Sicht sind die Mitbestimmungsinitiativen der Gewerkschaft ÖTV zu beurteilen. Sie sind Teil der Gesamtpolitik der Gewerkschaft ÖTV zur Modernisierung des öffentlichen Dienstes."

 

Auch heute sind die Themen Mitbestimmung und Modernisierung hoch aktuell. Auch heute noch geht es um den Ausbau der Demokratie durch Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Weichen für die Erfolge in der Mitbestimmung sind von Dir gestellt worden. Ein weiterer Bereich, für den Du, lieber Karl-Heinz, 20 Jahre die Verantwortung in der ÖTV übernommen hast, war die Energiepolitik. Im Spannungsfeld heftigster Ablehnung und nachdrücklichster Befürwortung der friedlichen Nutzung der Kernenergie, hast Du immer für den schwierigen Weg der Konsensbildung geworben. Gerade nach der Katastrophe von Tschernobyl hat Dir das ein besonderes Maß an Integrationsfähigkeit abverlangt. Es war mit Dein Verdienst, daß unser Hauptvorstand eine realistische und politikfähige Position zur Kernenergie formuliert hat. Daß die Konsensgespräche mit allen Beteiligten in der Sackgasse endete, zeigt, wie sehr Konflikt und Konsens politische Richtschnur geworden ist.

 

Aber an keiner Stelle, lieber Karl-Heinz, warst Du wichtiger als an der des überzeugten Einheitsgewerkschafters. Du warst ein zupackender, engagierter Gewerkschaftler und Du bist ja auch Heute noch in dieser Weise politisch aktiv. Du hast Dich nicht von parteipolitischen Entscheidungen und Vorgaben lenken lassen. Stets hast Du die gewerkschaftlichen Aufgaben in den Vordergrund gestellt. Gewerkschaftliche Unabhängigkeit gegenüber Regierung und Opposition war Dir immer wichtig. Du hast dabei erfahren, wie schwer es Gewerkschafter in ihrer eigenen Partei haben können und manchmal auch in ihrer eigenen Gewerkschaft. Die ÖTV steht auch aktuell für den Gedanken der Einheitsgewerkschaft. Die Gewerkschaften dürfen in der praktischen Politik nicht Überfordern. Auch vor Wahlkampfzeiten wie in diesem Jahr ist uns das Gut der Einheitsgewerkschaft wichtig. Inhaltliche Einmischungen, Position beziehen, Kritik üben, aber nicht parteipolitischen Wahlkampf betreiben.

 

Dies wird auch Richtschnur für die ÖTV in diesem Jahr sein. Wir haben den Gedanken der Einheitsgewerkschaft anläßlich der Namensgebung und Neueröffnung unseres Bildungs- und Begegnungszentrums in Berlin im Dezember des vergangenen Jahres unterstrichen. Das Haus wurde benannt nach Clara Sahlberg, eine christliche Gewerkschafterin, die beim Aufbau der Frauenarbeit in der ÖTV nach dem zweiten Weltkrieg eine maßgebliche Rolle gespielt hat.ie war auch in der CDU und in den Sozialausschüssen aktiv. Die ÖTV ehrt mit Clara Sahlberg aber nicht nur eine überzeugte christliche Einheitsgewerkschafterin, sondern auch eine Frau von besonderem Mut. Sie hatte Jakob Kaiser nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 geholfen und ihn mit gefälschten Papieren ausgestattet. Die Weggefährtin Jakob Kaisers, Elfriede Nebgen, bezeichnete dies in ihrer Biographie über Jakob Kaiser als "ein Wagnis der Treue". Auch ihr hatte Clara Sahlberg gefälschte Papiere besorgt.

 

Lieber Karl-Heinz, ich freue mich sehr darüber, Dir hier im Adam-Stegerwald-Haus, dem ehemaligen Zentrum des Wirkens von Jakob Kaiser und Elfriede Nebgen, meine Glückwünsche zu überbringen und an dieses Ereignis erinnern zu können. Eine Broschüre hierüber habe ich sowohl dem Haus wie auch Dir überlassen. Lieber Karl-Heinz, unserer Gewerkschaft wünsche ich, daß sie die Gestaltungskraft auch in Zukunft behält. Dir und Deiner Familie wünsche ich viel Gesundheit und ein langes Leben.