Zeitzeugengespräch im Jakob-Kaiser-Haus



Oral history - Zeitzeugengespräch im Jakob-Kaiser-Haus

von Jan-Hendrik Winter

 

 

Durch "Fälschung von Papieren oder die Beschaffung von Sonderrationen" rettete er "im solidarischen Verbund mit den Kameraden" Menschenleben. Eine kleine Zahl im Vergleich zu Tausenden von Juden, Regimegegnern oder gefangenen Soldaten, die auf unterschiedlichste Art zu Tode gebracht wurden, konstatiert er selbst. Authentisch und eindrucksvoll schilderte der in Magdeburg geborene ehemalige Buchenwaldhäftling Ottomar Rothmann seine "politischen Umtriebe", die ihn auseinem Gestapo-Gefängnis von 1943 bis 1945 ins Konzentrationslager führten. Er ist einer von drei in Thüringen noch lebenden Zeitzeugen. Zwei Jahre in Verzweiflung, dem Terror der SS-Schergen ausgesetzt, gelangte er wegen seiner "Zuverlässigkeit" als Schriftbeauftragter in einer der Blockbaracken in den Widerstandskreis im Lager auf dem Ettersberg. Auf Einladung der Jakob-Kaiser-Stiftung e.V. diskutierte er Pfingstsonntag 1999 drei Stunden mit jungen Seminarteilnehmern im Jakob-Kaiser-Haus.

 

Die Seminargruppe, Führungskräfte des CVJM und der Jungen Union, war am Vormittag von Dr. Kamilla Brunke über das ehemalige Lagergelände geführt worden. Sie erläuterte Ausmaß, Gliederung und Entwicklungsetappen des Todeslagers Buchenwald. Auf besonderes Interesse stieß auch die Nutzung des Lagers unter sowjetischer Besatzung. Systematische und großangelegte Tötungsaktionen haben nicht mehr stattgefunden, dennoch fanden einige tausend Insassen durch Nahrungsmangel, Krankheiten oder Seuchen den Tod. Im Anschluß an den Weg, nach Besichtigung des Krematoriums und der neuen Dauerausstellung legten die Teilnehmer an selbstgewählten Orten persönlichen Gedenkens eine Rose nieder. Sie sind Zeichen für das Nicht-Verdrängen und das Nicht-Vergessen, ein Symbol für Verantwortung, "die den einfachen, vorurteilsbeladenen Entwürfen einen Riegel vorschiebt" (eine Teilnehmerin), wie auch für Widerspruch gegen Politiker, Journalisten und Schriftsteller, die die Thematik jetzt gerne "historisch entsorgen" möchten.

 

Eindrücke und Fragen wurden am Nachmittag im Gespräch mit Ottomar Rothmann angesprochen und geklärt. "Wir müssen uns jeden Tag immer wieder fragen, ob wir der Intoleranz und der stupiden Oberflächlichkeit das Wort reden, oder ob wir uns allen Seiten der spannungsreichen deutschen Geschichte stellen wollen", gab Rothmann abschließend zu bedenken. Zwei Kapitel deutscher Geschichte - die Teilnehmer setzten sich mit Kontinuitäten und Brüchen zweier Diktaturen auf deutschem Boden engagiert auseinander. Die angewandte Methode des entdeckenden Lernens durch oral-history-Gespräche erwies sich als ertragreich und angemessen. Geschichte kann somit, obwohl nicht selber erlebt, vergegenwärtigt werden. Ein unverzichtbarer, aber zunehmend schwindender Schatz im Erfahrungsaustausch der Generationen.