Als Jakob Kaiser gehen musste



Von Johann Georg Reißmüller

Vor fünfzig Jahren säuberten die Sowjets zum zweitenmal die CDU.

In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 17.12.97

 

Am 19. Dezember 1947 wurde der erste Vorsitzende der CDU in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Jakob Kaiser, von der sowjetischen Militär-Administration abgesetzt. Mit Kaiser musste der zweite Vorsitzende gehen, Ernst Lemmer. Kaiser, vom Jahrgang 1888, aus Unterfranken gebbürtig. Ausgebildeter Buchbinder, schon vor dem ersten Weltkrieg und dann in der Weimarer Zeit Funktionär und Politiker der Christlichen Gewerkschaften wie der Zentrumspartei, in der nationalsozialistischen Zeit konspirativ gegen das Regime tätig, hatte 1945 die CDU in Berlin mitgegründet und war im selben Jahr ihr Vorsitzender in der Sowjetischen Zone geworden.

 

Die Absetzung 1947 war die zweite Säuberung an der Spitze der Sowjetzonen-CDU. Auf den Tag genau zwei Jahre vorher, am 19. Dezember 1945, hatte der sowjetische Oberst Tulpanow dem zweiten Vorsitzenden Walter Schreiber mitgeteilt, sie seien abgesetzt. Beide hatten sich der bolschewikischen sogenannten Bodenreform widersetzt. An ihre Stelle setzten die Sowjets Kaiser und Lemmer. Eine offensichtlich von Kaiser verfasste Stellungnahme in der Parteizeitung "Neue Zeit" vom 24. Dezember ließ sich über den erzwungenen Personalwechsel an der Spitze vorsichtig aus. Von der "nun gelösten Führungskrise" war die Rede; von der "Einsatzbereitschaft" Hermes und Schreiber, von deren "Lauterkeit als Menschen, Christen und Demokraten", von ihrer "subjektiven Unantastbarkeit". Kaiser rühmte die Personen, hätte er sich zu ihrer Politik bekannt, wäre es ihm schnell ergangen wie Hermes. Dazu kam, dass sich seine Ansichten über eine Bodenreform sicherlich nicht in allem mit deren von Hermes deckten. Hermes und Schreiber waren in der Wolle gefärbte Bürgerliche und deshalb, wiewohl sie eine Umverteilung landwirtschaftlich nutzbaren Boden in dem verarmten Land voller Vertriebener und Flüchtlinge nicht grundsätzlich ablehnten, reserviert gegenüber jeglicher Massenenteignungen. Kaiser, der sich das politische Leitbild eines "christlichen Sozialismus" geschaffen hatte und der nach Kriegsende zunächst eine Arbeitspartei hatte gründen wollen, stand Projekten, Eigentum in großem Maßstab umzuschichten, ein beträchtliches Stück näher, wenn auch Totalenteignung, Entrechtung, Verfemung und Verfolgung von Besitzenden - das alles kennzeichnete die "Bodenreform" in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands - ihm zuwider sein musste.

 

Nur zwei Jahre konnten Kaiser und Lemmer die CDU in der sowjetischen Zone führen. Es störte die Kreise der Sowjets im Jahr 1947, das Kaiser beständig und vehement für ein vereinigtes Deutschland eintrat, das nicht zur sowjetischen Machtsphäre gehören, sondern mit garantierter Neutralität innerlich frei zwischen Ost und West leben und Mittlerdienste leisten sollte. Der Konflikt entbrannte um den von den Russen und ihrer Hilfstruppe SED inszenierten "Volkskongress für Einheit und gerechten Frieden". Kaiser erkannte darin ein Mittel der Sowjets zu dem Zweck, entweder das ganze übriggebliebene Deutschland oder, sollte das nicht gehen, wenigstens ihre Besatzungszone zu bolschewisieren und ihrem Großreich einzuverleiben. So kam es, das die Sowjetzonen-CDU im November 1947 die Teilnahme an der "Volkskongress-Bewegung" ablehnte. An freien Wahlen in der sowjetischen Zone, die dort viele CDU-Politiker damals noch für erreichbar hielten, glaubte er nicht mehr.

 

Die Weisung der Sowjetischen Militär-Administration, Kaiser und Lemmer hätten zurückzutreten, kam am 19. Dezember 1947. Auch die Nachfolge regelten die Sowjets. Sie gaben die Sowjetszonen-CDU in die Hände von Otto Nuschke, der auf dem ersten Parteitag, im Juni 1946, in den Vorstand gewählt worden war und von Generalsekretär Georg Dertinger. Einige Partei-Landesvorsitzende von schrumpfendem Einfluss hatten diese beiden zu flankieren. Nuschke und Dertinger unterwarfen dann sich und die Partei Schritt um Schritt dem Gleichschaltungswillen der Sowjets und der SED. Kaiser bezeichnete die Absetzung als widerrechtlich und verlegte seine Tätigkeit nach West-Berlin, wo er 1961 starb. Lemmer, vom Jahrgang 1898, verweigerte sich Plänen der Kommunisten, ihn als Galionsfigur auf den Platz des ersten Vorsitzenden der Sowjetzonen-CDU zu missbrauchen. Er blieb noch eine Weile im sowjetischen Sektor von Berlin, bekleidete dekorative Funktionen im "Freien Deutschen Gewerkschaftsbund" und im "Kulturbund". Er trat auch noch auf CDU-Versammlungen in der Sowjetzone auf, bis schließlich auch er "in den Westen" gehen musste. Er starb 1970.weil ich meinen