Jakob Kaiser (1888-1961)

„Wir haben Brücke zu sein“

 

Anlässlich des 125. Geburtstages

von Jakob Kaiser am 8. Februar 2013

 

Ein Portrait von Jan Hendrik Winter

 

"Wie Jakob Kaiser können nur wenige als Symbolfigur deutscher National- und Sozialgeschichte unseres Jahrhunderts gelten".

Dieses Ausstellungszitat ist bezeichnend. Der am 08. Februar 1888 in Hammelburg geborene und am 07. Mai 1961 in Berlin gestorbene Franke Kaiser verbindet mit seiner facettenreichen Vita insgesamt vier wesentliche Epochen der deutschen Geschichte und wichtige historische Prägekräfte. Charakteristisch für Kaisers Bestreben war die Folge seiner Einstellungen: deutsch, christlich, demokratisch, sozial. Als Gewerkschafter, Widerstandskämpfer und Patriot.

Themen- und zeitbezogene Zitate Kaisers sind in diesen Text eingeflochten, sie sollen dazu beitragen, Kaisers Überzeugungen zu verdeutlichen. 

 

Elternhaus, Jugend und frühes gewerkschaftliches Engagement

 

Er wuchs mit neun weiteren Geschwistern in schlichten, aber von einer durchdringenden Katholizität geprägten familiären Umwelt im Kaiserreich auf.

Nach dem Abschluss der siebenjährigen Volksschule 1901 trat der junge Jakob Kaiser bei seinem Vater in die Buchbinderlehre ein und konnte darüber hinaus dessen Anstrengungen verfolgen, zusammen mit dem Stadtgeistlichen Aegidius Martin, die Prinzipien der katholischen Soziallehre in Form verschiedener Genossenschaftsgründungen für die verarmten und wettbewerbsschwachen Winzer und Bauern zu praktizieren.

Sein Vater stieg später zum Stadtkämmerer auf, der Sohn wechselte auf die Buchbinderfachschule nach Schwiebus und trat in den Gesellenverein Adolf Kolpings ein.

Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit den Sorgen und Problemen des Industrieproletariats in der fränkischen Metropole Nürnberg knüpfte er Kontakte zum Katholischen Gesellenverein. Dieser bot ihm die Möglichkeit, sich weiterzubilden, die schulischen Defizite der vorzeitig abgebrochenen Gymnasiallaufbahn wettzumachen und als Vorstandsmitglied zu agieren.

Sein gewerkschaftliches Engagement, das folgte, war bisweilen eine Konsequenz aus seinen wachen Beobachtungen der Lage der Arbeiterschaft, die im ausgehenden Reich Wilhelms II. immer noch widrige materielle (und politische) Verhältnisse zu bewältigen hatte : die volkswirtschaftlichen Kurse des Volksvereins für das Katholische Deutschland in Mönchengladbach bildeten sodann für Kaiser wie "für andere Arbeiterführer auch" (Kosthorst) die Initialzündung für seine Tätigkeit als Kartellsekretär der christlichen Gewerkschaften in Köln ab 1912.

In Abgrenzung zu den parallel bestehenden freien, sozialistisch/sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften votierte die christliche Variante gegen die einseitige Klassenkampfideologie und eignete sich das Credo der konstruktiven Kooperation statt polarisierenden Konfrontation an, die eine leistungs- und familiengerechte Bezahlung der Lohnempfänger und einen Schutz des Wettbewerbsprinzips implizierte.

Während des ersten Weltkrieges wurde Kaiser sowohl an der West- wie Ostfront eingesetzt und schwer verwundet. Mit hohen Auszeichnungen versehen, konnte er im Februar 1918 der Schlacht den Rücken kehren und im darauffolgenden Monat die Leitung der Jugendsektion der christlichen Gewerkschaften übernehmen.

"Denn was bedeutet der Kampf um Lohn, der Kampf um den Schutz auf der Arbeitsstätte, der Kampf um den Achtstundetag, der Kampf um den Schutz des kranken, invaliden oder arbeitslosen Kollegen anders, als dass ihm das Recht des Lebens werde.

Das Recht und die Möglichkeit, sein Leben so zu führen, wie es menschenwürdig ist.

Was anders bedeutet dieser Kampf, als dass auch der Arbeiter die Möglichkeit findet, seinen Geist zu bilden, seine Seele zu formen!"

 

Vom "Monarchisten zum Republikaner"

 

Den Eintritt in eine weitere Geschichts- und Wirkungsepoche, in der sich insbesondere das Scheitern der ersten Demokratie auf deutschem Boden verorten lässt, markiert Kaisers Tätigkeit im Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt Köln im Anschluss an die Novemberrevolution.

Ferner manifestierte sich sein Gesinnungswandel vom "Monarchisten zum Republikaner" (Tilman Mayer) in der Forderung nach einer Zusammenführung der Arbeiterorganisationen auf dem Boden einer verfassungsbegründeten Ordnung, wie sie ihren Ausdruck in der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1919 fand und seines Widerstandes gegen grassierende Separationsbestrebungen im vielen (Rand-) Territorien des Deutschen Reiches.

Überdies verficht er, gemeinsam mit dem damaligen Gewerkschaftsführer Adam Stegerwald, die Formel einer neuzubildenden interkonfessionellen, nationalen und sozialen Volkspartei als Kontrapunkt zur materialistischen SPD und Stabilisierungsfaktor einer Politik der Mitte in der angebrochenen Weimarer Republik.

Wenn auch die junge Demokratie infolge eines vielschichtigen Ursachenbündels von der nationalsozialistischen Diktatur abgelöst worden ist, so besaßen diese Integrationsvorstellungen doch in zweierlei Hinsicht Zukunftskraft: zum einen bildeten sie die programmatische Bandbreite des zivilen Widerstands gegen das Hitlerregime ab und zum anderen fungierten sie als wichtige ideelle Wegbereiter der späterhin entstandenen christlich-demokratischen Union.

Von 1919 bis 1924 bestimmte er im Generalsekretariat des Gesamtverbandes der Christlichen Gewerkschaften in Köln bzw. seit 1921 in Berlin als Geschäftsführer die Geschicke der Organisation mit und trat ebenfalls den stellvertretenden Vorsitz der rheinischen Zentrumspartei im Jahre 1921 bis zu seiner Suspendierung durch die Nazis 1933 an.

1924 nach Köln als Landesgeschäftsführer der Christlichen Gewerkschaften für Westdeutschland zurückgekehrt.

In einer Gemengelage, in der die berufsständischen und nationalen Akzente der christlichen Gewerkschaften und des Zentrums (als Heimat des politischen Katholizismus) dem Klassenansatz und der internationalistischen Ausrichtung der freien Gewerkschaften bzw. der SPD gegenüberstanden, sprach sich Kaiser mehrmals für einen unideologischen und von dem Gedanken des Ausgleiches, des Brückenbauens getragenen politischen Wettbewerb aus.

In diesem Zusammenhang nahm er u.a. auch in seiner Zentrumspartei eine Mittlerstellung zwischen dem (linken) Arbeitnehmer- und einer rechtsstehenden Minderheit innerhalb der Christlichen Gewerkschaften ein.

 

Einheitsgewerkschaft und Widerstand

 

Im Zuge der endgültigen Ablösung der "Weimarer Koalition", der Bildung von Präsidialkabinetten und der zunehmenden Stimmengewinne der extremen politischen Kräfte sprach sich Kaiser wie zahlreiche andere Exponenten des bürgerlichen Spektrums für die scheinbar unabwendbare Notwendigkeit des Einbindens des Strasser-Flügels der NSDAP in die parlamentarische, vor allem aber demokratisch-soziale Gestaltung der Republik aus, deren Grundprinzipien angesichts diktatorischer Tendenzen bewahrt werden mussten.

Die Sprengkraft des vorherrschenden "Weltanschauungs-, Klassen-, Standes- und vor allem Parteienegoismus, kombiniert mit Verfassungsstrukturproblemen" (Mayer) und einer gravierenden sozialen Verelendung verurteilte indes jedwede Kanalisierungsstrategie von vornherein zum Scheitern.

Kaiser intensivierte daraufhin mit Blick auf die Vereinnahmungs- und Gleichschaltungstaktik der am 30. Januar 1933 an die Macht gelangten Nationalsozialisten im Verein mit führenden Männern der Richtungsgewerkschaften sein Bemühen, eine Einheitsgewerkschaft zu formieren, die auf Unabhängigkeit gegenüber dem Staat bedacht war.

Dieser organisationspolitisch bedeutsame Schritt, der auch in ein Gründungskonzept einfloß und Vorbildcharakter für die Zeit nach 1945 entfaltete, gelangte jedoch nicht mehr zur Realisierung; die Arbeiterorganisation der Nationalsozialisten, die Deutsche Arbeitsfront erstickte sämtliche Ambitionen, so dass sich Kaiser konsequenterweise der Unterzeichnung der Unterwerfungs- und Eingliederungserklärung der christlichen Gewerkschaften verweigerte.

"Ich unterschreibe keine Kapitulation"

(Kaiser gegenüber dem DAF-Führer Robert Ley, 1933).

Die Nazis enthoben ihn daraufhin seiner Funktion als Landesgeschäftsführer und drohten ihm die Inhaftnahme an.

Wilhelm Leuschner als wichtiger Repräsentant der vormaligen freien/sozialistischen Gewerkschaften, Max Habermann (Deutschnationaler Handlungsgehilfenverband) u.v.a. Vertreter der Arbeiterbewegung sowie konservativer und liberaler Kreise nutzten in der Folge die Wohnung Kaisers in der Wittelsbacher Straße in Berlin als Anlaufpunkt, um das Fundament für ein nachdiktatorische Staats- und Gesellschaftsordnung zu legen, den aktiven Widerstand zu planen und eine breite, partiell auch widersprüchliche weltanschauliche Allianz zu bilden.

Kaiser, der im Gegensatz zu anderen Weimarer Republikanern nicht den Weg der Emigration oder der Passivität einschlug, gehörte somit zum Kernzirkel des (aktiven) zivilen Widerstands gegen das Hitler-Regime und konnte im Rahmen seiner Tätigkeit als "Bevollmächtigter der ehemaligen Angestellten der früheren christlichen Gewerkschafter" nicht nur für deren Sozialansprüche streiten und u.a. auf ein entsprechendes Entschädigungsgesetz hinwirken, sondern auch mit Hilfe von Reisen durch das Reichsgebiet und Österreich ein Kontaktnetz mit seinen früheren Kollegen aufbauen und pflegen.

Trotz seiner Verhaftung im Jahre 1938, die mit einer frühzeitigen Freilassung "aus Mangel an Geständnissen" endete, setzte Kaiser und der anhängende Kreis von Gewerkschaftern unter permanenter Lebensgefahr die oppositionelle Arbeit fort, indem nunmehr Verbindungen zu Carl Goerdeler, der als ehemaliger Leipziger Oberbürgermeister und prononcierter konservativer Vertreter eine überaus aktive Rolle im zivilen Widerstand spielte, und dem militärischen Arm des Widerstands, konkret zum Kreisauer Kreis bzw. der Gruppe um Graf von Stauffenberg knüpfte, da Kaiser, Leuschner, Habermann und Wirmer davon ausgingen, dass nur eine Wehrmachtsverschwörung und nicht eine weitgehend saturierte Arbeiterschaft den Tyrannensturz herbeiführen könnte.

Insbesondere zu Generaloberst von Hammerstein entwickelte sich seit 1936 ein "enges freundschaftliches Verhältnis, während die Beziehung zu dem intellektuell und zögernd wirkenden Generaloberst Ludwig Beck distanziert blieb" (Hacke).

Permanent setzte er sein Leben für die Sache eines zu schaffenden freiheitlichen und demokratischen Deutschlands aus.

In der Überwindung von Marxismus und Liberalismus auf dem Wege der Gründung einer geeinten nationalen Gewerkschaftsbewegung und einer breiten Arbeiterpartei nach dem Muster der englischen Labour-Party erkannte der ehemalige Zentrumspolitiker ein tragfähiges Zukunftskonzept und unterstrich die Notwendigkeit einer über weltanschauliche Grenzen und unterschiedliche Staatsverständnisse hinaus reichende Zusammenarbeit des facettenreichen Widerstands gegen das NS-Unterdrückungssystem.

Dem kompromisslosen Einsatz Kaisers für demokratische, soziale und im Kern antitotalitäre Prinzipien gebührt Achtung und vor allem Erinnerung. Der 20. Juli als "Aufstand des Gewissens" mit seinen vielschichtigen Folgen war, ist und bleibt nicht nur eine Episode des vielerseits als schwach eingestuften deutschen Widerstands, sondern eine Zäsur, ein Fanal des sich späterhin herauskristallisierenden und die Bundesrepublik stabilisierenden antidiktatorischen bzw. antitotalitären Grundkonsensus.

"Es gibt keine linke und keine rechte Diktatur, es gibt nur eine Diktatur. Wir sagen jeder Form von Totalität Feindschaft an. Parteiabsolutismus einer einzigen Partei führt immer zum Führerabsolutismus."

 

"Dritter Weg"

 

Nach der Befreiung Deutschlands, der Ablösung des Hitler-Terrorregimes und der folgenden Besatzung durch die drei bzw. vier Siegermächte konnte Jakob Kaiser, der als einer der wenigen Initiatoren des 20. Juli 1944 die Strafmaßnahmen des sich nochmals aufbäumenden Hitlerstaates überlebt hatte und von den in Berlin einrückenden Sowjets in seinem Babelsberger Versteck befreit wurde, zur Tat schreiten und einen entscheidenden Beitrag zur Schaffung einer konfessionell, sozial und national unierten Volkspartei leisten.

Im Juli 1945 etablierte sich die Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDUD) in Berlin - die Idee einer nichtmarxistischen Arbeiterpartei hatte sich mit der Wiedergründung der SPD und der Berufung auf ihre marxistischen Traditionsbestände überlebt.

"Wir leiden immer noch an den verhängnisvollen Verhärtungen politischer Auffassungen. Für einen bestimmten Teil unseres Volkes sind sozialistische Auffassungen geradezu noch mit einem gesellschaftlichen oder gar moralischen Makel behaftet.

Während ein anderer Teil unseres Volkes schon als Reaktion beschimpft, was im Grunde in ganz gesundem Maße konservativ oder liberal ist."

Die notwendige breite schichten- und klassen-, konfessionen- und berufsübergreifende Integrationskraft der neugebildeten Union, ihre auf den Prinzipien der nationalen Einheit und der Ablehnung der braunen wie roten Diktatur und eines ungehemmten Kapitalismus basierender Kurs wurde seit dem Dezember 1945 in der SBZ (=Sowjet. Besetzte Zone) durch ihre Exponenten Kaiser und Lemmer innerhalb des von den Sowjets aufoktroyierten antifaschistischen Blocks getragen.

Der Grundansatz Kaisers, "Brücke sein zu wollen zwischen Ost und West" (13.02.1946), sollte es nicht zulassen, dass es zu einer Entfremdung und sukzessiven Trennung der unterschiedlich besetzten Teile Deutschland käme.

Im Interesse der Einheit des Vaterlandes und der Wiederbelebung eines demokratischen Deutschlands in den Grenzen von 1937, war es das zentrale Anliegen Kaisers, keine einseitigen Bündnisse einzugehen und eine friedlich bestimmte Vermittlerrolle im Konzert der Mächte zu übernehmen.

Dieser positivistischen Haltung wurde jedoch spätestens mit dem demonstrativen Austritt der Sowjets aus der gemeinsamen Verwaltung des ehemaligen Deutschen Reiches die Geschäftsgrundlage entzogen.

Sie kann als Beleg für eine au sowjetrussischer Seite forcierte Politik der ideologisch und machtpolitisch motivierten Strategie der Abschirmung und Stabilisierung der Einflusssphären in Mittel- und Osteuropa gelten.

Des Weiteren hatte sich auch in der CDU zunehmend ein Kurs durchgesetzt, der im Sinne des damaligen Fraktionsführers der Partei im nordrhein-westfälischen Landtages und späteren Bundeskanzlers, Konrad Adenauer, eine klare Westorientierung vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Blockkonfrontation formulierte und diesen einer chancen- aber auch risikoreichen Mittlerstellung vorzog.

Die sozialistischen Anklänge in der Rhetorik Kaisers entsprachen dem Geist der Zeit: mit der Überwindung des unseligen Hitler-Regimes und des Scheiterns der bürgerlichen Republik erschien der Dritte Weg als Kompromiss zwischen Kollektivismus und Individualismus, zwischen Kapitalismus und Zwangswirtschaft, fernab einer doktrinären Verfestigung.

Die Volkspartei CDU als Repräsentant breiter und eben nicht nur bürgerlicher Bevölkerungskreise hatte im Sinne Kaisers und des gewerkschaftlichen Flügels gleichsam für eine freie Marktordnung mit einflusskräftigen staatlichen Interventions- und Steuerungselementen Sorge zu tragen.

Unzählige Repressalien der sowjetischen und SED-Machthaber machten ein Wirken Kaisers, der die Union u.a. in seiner Parteitagsrede im Herbst 1947 als "Wellenbrecher des dogmatischen Marxismus" positioniert hatte, in einem wachsenden Maße unmöglich.

Kaiser zog im Dezember 1947 die Konsequenzen aus seiner Absetzung als Parteivorsitzender durch die Sowjetische Militäradministration und verließ die SBZ, um in einem rechtstaatlichen und demokratischen Rahmen seine Arbeit von den westlichen Besatzungszonen aus fortsetzen zu können. Seit dem Jahre 1948 avancierte Kaiser mehr und mehr zu dem entscheidenden Protagonisten des Arbeitnehmerflügels bzw. der gewerkschaftlich Organisierten innerhalb der Union, die sich schon in Gestalt des Ahlener Programms (1947) für einen "christlichen Sozialismus" ausgesprochen hatten.

Ab Mai 1949 führte er als Vorsitzender die Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft und nutzte diese Funktion, um zum einen das von dem späteren Wirtschaftsminister und damaligen Direktor der bi-/trizonaen Wirtschaftsverwaltung, Ludwig Erhard, politisch umgesetzte Ordnungsprogramm einer Sozialen Marktwirtschaft mit weitreichenden sozialpolitischen Maßnahmen (Mitbestimmung, 40-Stunden-Woche, Kartellgesetzgebung, Ausbau des Sozialversicherungswesens etc.) zu flankieren.

"Wenn mir heute Kreise der Rechten das Wort `Einheitsgewerkschaftler´ als verächtliches Wahlschimpfwort anhängen wollen, so frage ich sie und Euch: Warum tun sie das? Sie tun es, weil ihnen Restauration und Reaktion in den Knochen sitzen. Sie beschimpfen die Einheitsgewerkschaften. Aber treffen wollen sie die Arbeiterschaft."

 

Gewerkschafter und Politiker in der jungen Bundesrepublik

 

Zum anderen wirkte er an jener Stelle für den Ende 1949 vollzogenen Zusammenschluss der einzelnen Industriegewerkschaften zur Einheitsgewerkschaft, konkret den Deutschen Gewerkschaftsbund mit. Damit war ein großer Schritt hinsichtlich der Abwendung einer weltanschaulich begründeten Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung und der konstruktiven Mitarbeit derselben in der bundesdeutschen Gesellschaft getan worden.

Dem ersten Kabinett Adenauer gehörte der überaus populäre Sozial- und Deutschlandpolitiker, nachdem er in seinem Wahlkreis Essen, den er 1933 für eine kurze Zeit bis zur Liquidierung des Parlamentarismus im Reichstag zu Berlin schon vertreten hatte, in den Bundestag gewählt worden war, als Minister für Gesamtdeutsche Fragen an. Die Maxime seines politischen Handelns wird auch in dieser Funktion mittels eines Redeausschnittes erkennbar:

"Es gibt nur eine entscheidende Hilfe für die Zone und ihre Flüchtlinge.

Das ist die Wiedervereinigung unseres Landes. (...) Sie bleibt aber auch die Vorbedingung für die Gesundung und Befriedung Europas."

Der auf dem Gründungsparteitag der Bundes-CDU zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden gewählte Kaiser ging mit der Analyse und grundsätzlichen Strategie Adenauers konform, die sich einem entschiedenen Antikommunismus, einer militärischen und wirtschaftlichen Stabilisierung der Bundesrepublik sowie ihrer Aufwertung im westlichen Lager und der Erreichung der staatlichen Souveränität verschrieben hatte.

Gegensätze zwischen dem fest auf dem westlichen Wertefundament siedelnden und die europäische Integration fortgestaltenden Adenauer und Kaiser ergaben sich insbesondere im Hinblick auf die Wiedervereinigungspolitik: Kaiser äußerte sich den verschiedenen Offerten der Sowjetregierung, der DDR, aber auch den Plänen der bundesdeutschen Opposition gegenüber kompromissbereiter und offener und erwog die Prüfung im Einzelnen, wogegen der Kanzler z.B. in den Stalin-Noten des Jahres 1952 berechtigterweise Indizien für eine Desavouierungstaktik der Sowjetrussen erkannte und sie im Verein mit den westlichen Alliierten grundweg ablehnte.

Diese Weichenstellungen bleiben auch in historischer Perspektive, in Anbetracht der unlängst veröffentlichten Archivmaterialien nicht nur auf spekulativer Ebene ohne Alternative.

Ein auch von alliierter Seite aus eingeschränkter deutschlandpolitischer Handlungsspielraum ließ keine Quantensprünge zu.

Die Ziel- und Wertetrias Freiheit, Frieden, Einheit charakterisierte in ihrer Zusammenführung und ihrem Gleichklang die Anstrengungen der Bundesregierung.

Indes füllte Kaiser sein Ministeramt mit Unnachgiebigkeit und Courage aus. Ansprachen, Reden, Publikationen, sein Wirken im Kuratorium "Unteilbares Deutschland", Auftritte in der schmerzlich geteilten Stadt Berlin machten seinerseits die deutsche und internationale Öffentlichkeit und die zuständigen Stellen auf die klaffende Wunde der deutschen Teilung aufmerksam.

"Die Bundesrepublik hat sich in jedem Augenblick bewusst zu sein, dass sie mit ihren 50 Millionen ein Provisorium ist, d.h. sie hat sich bewusst zu sein, dass sie erst wieder ein vollendetes Staatswesen ist, wenn eine gesamtdeutsche Regierung für alle 70 Millionen die Verantwortung zu tragen in der Lage ist. Dabei wird sich die Politik der Bundesrepublik immer wieder an dem gefährdetsten Teil unseres Volkes orientieren."

Der Kalte Krieg hatte Fakten geschaffen.

Doch Kaiser war an keinem Tage bereit, sich mit dem Status quo abzufinden. Im Gegenteil.

Er entfaltete formelle und informelle Kontakte nach Osten und Westen, unterstützte demokratische Kräfte sowohl in der SBZ als auch prodeutsche Interessenvertreter in dem seit 1945 von Deutschland abgelösten und von einer frankophilen Regierung verwalteten Saargebiet.

Auch hier entpuppte sich Minister als unbequemer Mahner und sein Engagement wurde mit der Ablehnung des von Adenauer favorisierten Saarstatutes durch eine überwältigende Majorität der Saarländer von Erfolg gekrönt.

Der Primat des Nationalen, der sog. "Kleinen Wiedervereinigung" (01.01.1957) hatte sich gegenüber dem langfristig angelegten und visionären Konzept der Europäisierung durchgesetzt.

Ein schwere Erkrankung führte 1957 dazu, dass Jakob Kaiser aus der aktiven Politik ausscheiden und die verschiedenen Ämter in Partei und Regierung zur Verfügung stellen musste.

Er verstarb am 7. Mai 1961 in Berlin, also in der Stadt, die in konzentrierter Form die Anormalität der deutschen Zweistaatlichkeit widerspiegelte und für Kaiser ein Ort des demokratischen, sozialen, christlichen und nationalen Einsatzes gewesen war.

 

Ausblick: Bausteine für das "Haus Europa"

 

Jakob Kaiser, dessen Name nunmehr eines der Abgeordnetenblöcke in der alten und neuen Hauptstadt schmückt, verdient nicht nur die rückblickende Würdigung seiner Leistungen.

Die zwischengefügten Zitate illustrieren, inwiefern seine Auffassungen von "Prinzipienfestigkeit" (Mayer), von Zeitgebundenheit aber auch von Idealismus geprägt waren. Sein Brückendenken, das nicht mit reiner Bündnislosigkeit und Schaukelpolitik gleichzusetzen ist, erfährt ebenfalls in unseren Tagen eine Renaissance.

Die erfolgreich von Konrad Adenauer und Helmut Kohl insbesondere durch ihren persönlichen Einsatz fortentwickelte deutsch-französische Achse, die fundierte deutsch-amerikanische Partnerschaft und ein konstruktives Mitwirken in zahlreichen Bündnissen wird nun durch einen Brückenschlag nach Ost- und Mitteleuropa komplettiert.

Polen, Ungarn, Tschechien, die baltischen Staaten etc. - partnerschaftliche Relationen zu diesen Ländern sind weitere Bausteine im "Haus Europa".

Kaiser Wirken und Werden ist, um den Bogen zu den einleitenden Bemerkungen zu schlagen, im Zeitlauf ein Spiegel deutscher Geschichte im positiven Sinne: als Gewerkschafter, Sozialpolitiker, Widerstandskämpfer, Brückenbauer zwischen Ost und West, Mitbegründer der CDU und Deutschlandpolitiker hat Kaiser moralisch-politische Maßstäbe gesetzt, die auch in der heutigen Zeit nichts an ihrer Erkenntnisschärfe, Urteils- und Wirkkraft verloren haben. Zu schließen ist mit einem Zitat, das auch stellvertretend für die demokratische Bildungsarbeit in seinem Sinne herangezogen werden kann:

"Politik ist unser Schicksal. Und niemand kann ihm ausweichen. Niemand kann sich in die Atmosphäre privater Bürgerlichkeit zurückziehen. Eine Haltung, die in einer Zeit lebenswichtiger Entscheidungen über Gestalt und Form unserer neuen politischen Ordnung politische Abstinenz übt, die sich der Bewährung im politischen Leben entzieht, die aber in jedem Augenblick die Wohltaten künftiger politischer Regelungen entgegenzunehmen bereit ist, wäre verächtlich zu nennen."

 

Literaturhinweise des Autors

 

CONZE, Werner: Jakob Kaiser. Politiker zwischen Ost und West 1945-1949, Stuttgart u.a. 1969.

HACKE, Christian (Hrsg.): Jakob Kaiser. Wir haben Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und Aufsätze zur Deutschlandpolitik, Köln 1988.

KOSTHORST, Erich: Jakob Kaiser. Der Arbeiterführer, Stuttgart u.a. 1967 - Ders.: Jakob Kaiser. Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen 1949-1957, Stuttgart u.a. 1972.

MAYER, Tilman (Hrsg.): Jakob Kaiser. Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswahl, Köln 1988.

NEBGEN, Elfriede: Jakob Kaiser. Der Widerstandskämpfer, Stuttgart u.a. 1967.

 

Weitere Literaturhinweise

 

BECKER, Josef: Jakob Kaiser. In: Persönlichkeit und Politik in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1. Hrsg. v. Walter L. Bernecker / Volker Dotterwelch. Göttingen 1982.

HACKE, Christian (Hrsg.): Jakob Kaiser. Wir haben Brücke zu sein. Reden, Äußerungen und Aufsätze zur Deutschlandpolitik. Verlag Wissenschaft und Politik Berend von Nottbeck, Köln 1988.

MAYER, Tilman (Hrsg.): Jakob Kaiser. Gewerkschafter und Patriot. Eine Werkauswahl. Bund-Verlag, Köln 1988.

RICHTER, Michael: Die Ost-CDU 1948 bis 1952 - Zwischen Widerstand und Gleichschaltung. Droste-Verlag. Düsseldorf, 1990.

SALZMANN, Rainer: Jakob Kaiser. In: Die Gründung der Union. Traditionen, Entstehung und Repräsentanten. Hrsg. v. Günter Buchstab / Klaus Gotto. München 1981.

 

Zeitschriftenartikel

 

GILLESSEN, Günther: Sozialistische Versuchung. Im Februar 1947 wurde das Ahlener Programm verabschiedet. Eine Episode. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 1. 2. 1997.

SCHLOMANN, Friedrich-Wilhelm: Marxismus mit christlichem Vokabular. Wie die Ost-CDU in den Parteienblock gezwungen wurde - intensive Befragung von Zeitzeugen. Rezension. In: Bonner Generalanzeiger vom 7. 2. 1991.

SCHROEDER, Wolfgang: Einheitsgewerkschaft und Sozialkatholizismus. Zur Enttraditionalisierung der politischen Kultur in den fünfziger Jahren. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B45/92. 30. Oktober 1992.

 

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